Der Massanzug
Wie aus der Diskretion eines Architekten das Konzept seiner Website wurde
Startseite der neuen Website von atelier vonäsch
Dieses Projekt begann mit einem festen Plan. Und dann merkt man irgendwann, dass genau dieser Plan das Problem ist.
Rainer Vonäsch ist Architekt. Er führt sein Atelier im Aargau bewusst allein, arbeitet schweizweit. Nach dem Studium in Luzern und Basel war er bei Morger + Dettli und bei Herzog & de Meuron tätig - bevor er sich bewusst für das Kleine entschied: für Bauherrschaften, die er unmittelbar und nah begleiten kann. Seine Überzeugung: Architektur wie ein Massanzug - gestaltet aus Raum, Licht und Zeit, genau auf die Menschen zugeschnitten, die darin leben werden.
Der erste Ansatz
Für die Website planten wir zunächst das Naheliegende: vier Projekte aus vier Sparten, klar strukturiert. Ein solides Konzept. Nur passte es nicht zu Rainers Wirklichkeit. Seine Bauherrschaften legen Wert auf Diskretion, viele seiner Projekte darf er gar nicht öffentlich zeigen. Eine feste Portfolio-Seite hätte also Lücken gehabt. Schlimmer: Sie hätte die stille Erwartung erzeugt, laufend neue Projekte nachzuliefern - für jemanden, der allein arbeitet, weder machbar noch stimmig.
An diesem Punkt musste ich das Konzept nochmals neu denken. Die eigentliche Frage war nicht, wie sich Rainer in eine bestehende Form fügt, sondern welche Form aus seiner Arbeitsweise selbst entstehen könnte.
Die Umkehrung
Rainers Art ist bescheiden und zurückhaltend. Also machte ich diese zum Fundament.
Aus dem Portfolio wurden einzelne Geschichten, erzählt immer nur dann, wenn eine Bauherrschaft Rainer die Freiheit gibt, ihr Projekt zu zeigen. Kein Raster, das Vollständigkeit verspricht. Keine leeren Plätze, die nach mehr rufen. Die Diskretion, eben noch das grösste Hindernis, wurde zur klarsten Botschaft: Manche seiner schönsten Projekte wird Rainer nie öffentlich zeigen - er hütet sie.
In der Navigation liegen die Geschichten heute in einem ruhigen Dropdown, jede nur über ihren eigenen Titel erreichbar. Bewusst gibt es keine Übersichtsseite. Eine Übersicht hätte wieder Portfolio-Denken erzeugt, den Drang zu vergleichen, zu zählen, Vollständigkeit zu erwarten.
Der Ton und das Weglassen
Die Texte schrieb ich fliessend, nicht in SEO-Häppchen zerlegt. Anstatt einer klassischen Über-mich-Seite, haben wir Rainers Geschichte direkt in die Startseite eingewoben: kurze, persönliche Fragmente. So versteht man, wer Rainer ist, bevor er sich erklärt.
Das Gesamtbild
Eine Website ist nie Text allein. Strategie, Konzept, Text und die gestalterische Führung lagen bei mir - von der Idee bis zum Feinschliff. Die Fotografie stammt von Remo Buess und inszeniert sowohl Rainer als Persönlichkeit, wie auch Architektur und Licht mit Spiel und Schatten. Tobias Biedermann gestaltete das Logo und unterstützte mich im Design-Feinschliff. Entstanden ist eine Seite, die aus einem Guss wirkt, weil sie es auch ist.
Gutes Branding zwingt einen Kunden nicht in eine Form, die funktioniert. Es hört so lange zu, bis die Form sichtbar wird, die schon da ist.
Architektur wie ein Massanzug, wie Rainers Massanzug und jetzt auch die Website.